Die jüngste Kostenstudie des Thünen-Instituts zur Agri-Photovoltaik (Agri-PV) argumentiert stringent entlang der Stromgestehungskosten (LCOE). Das Ergebnis ist bekannt: Agri-PV ist je Technologie marginal (4%) oder signifikant (bis zu 148%) teurer als klassische Freiflächenanlagen auf der gleichen Fläche. Punkt.
Doch wer die energiepolitische Debatte ernsthaft ausschließlich über LCOE führen möchte, muss konsequent sein. Dann dürfte die Frage nicht lauten, ob Agri-PV teurer ist als Freiflächen-PV. Dann müsste gefragt werden, warum überhaupt Freiflächen-PV gebaut wird, wenn in bestimmten Regionen Windenergie niedrigere Systemkosten liefert. Dann müsste man Dachanlagen infrage stellen, die regelmäßig höhere spezifische Kosten aufweisen als große Solarparks. Dann dürfte Netzoptimierung keine Rolle spielen, wenn sie kurzfristig Kosten erhöht.
Eine rein LCOE-getriebene Logik würde das Energiesystem auf eine Preisrangliste reduzieren. Genau das tut die Politik jedoch nicht – aus gutem Grund.
Agri-PV als strategische Differenzierungsoption
Agri-PV ist keine Technologie, die antritt, um den günstigsten Strom zu produzieren. Sie adressiert einen anderen Zielkonflikt: die zunehmende Konkurrenz zwischen Energieerzeugung und landwirtschaftlicher Nutzung. Dieser Konflikt ist real. Er wird durch Ausbauziele, Klimarisiken und gesellschaftliche Akzeptanz verschärft.
Wenn dieser Zielkonflikt politisch als relevant eingestuft wird, verschiebt sich die Bewertungsgrundlage. Dann geht es nicht mehr darum, ob Agri-PV die niedrigsten Stromgestehungskosten hat. Dann geht es darum, ob sie im Vergleich zu Alternativen die geringsten gesamtgesellschaftlichen Kosten verursacht.
Gesamtkosten sind jedoch mehr als Kilowattstundenpreise einer Technologie. Sie umfassen Flächenverfügbarkeit, Einkommensstabilität landwirtschaftlicher Betriebe, Anpassungsfähigkeit an klimatische Extreme und Akzeptanz in ländlichen Räumen. Diese Dimensionen lassen sich nicht vollständig in einer LCOE-Kennzahl abbilden.
Dynamische Kostenentwicklung im Agri-PV-Markt
Hinzu kommt: Die Kostenbasis selbst ist dynamisch. Der deutsche Markt für Agri-PV beginnt erst mit den regulatorischen Anpassungen durch Solarpaket I zu skalieren. Skalierung bedeutet technologische Optimierung, Standardisierung, sinkende Finanzierungskosten und effizientere Bauprozesse. Bereits heute sind bei Tracker-Systemen deutliche Kostensenkungen zu beobachten. Frühphasendaten (2023) als langfristige Strukturkosten zu interpretieren, greift zu kurz.
Das bedeutet nicht, dass Agri-PV wirtschaftlich unkritisch ist. Im Gegenteil: Sie muss sich rechnen. Aber sie muss sich im Kontext eines Systems rechnen – nicht im isolierten Vergleich mit der jeweils günstigsten Einzeltechnologie auf der gleichen Fläche. Wir sehen heute bereits Agri-PV-Projekte, die im Gesamtsystem deutlich kostengünstiger sind als manche klassische Freiflächenprojekte.
Fazit: Systemnutzen statt isolierter Kostenvergleich
Die Debatte sollte daher nicht lauten: „Ist Agri-PV teurer als Freifläche?“ Sondern: „Welchen strategischen Mehrwert bietet Agri-PV im Spannungsfeld von Energie, Landwirtschaft und Flächennutzung ?“
Das ist keine rein technologische Frage. Es ist eine gesellschaftspolitische Entscheidung, ob eine Kategorie Agri-PV zur Diversifizierung in das Förderregime aufgenommen wird oder nicht.
Wenn ja – wie es das Solarpaket I vorsieht – gilt es, über ein sinnvolles Marktdesign durch Simulation von Wettbewerb die effizientesten Projekte zu bezuschlagen. Genau so, wie es heute bereits bei klassischen Freiflächenanlagen oder Windanlagen praktiziert wird.
